Affektkrampf: Prozedere auf der Notfallstation

Inhaltsverzeichnis

Claudia Meier (KJNO), Iris Bachmann-Holzinger (KJNO), Mareike Schimmel (Neuropädiatrie) 

Freigabe: Alex Donas (KJNO)

Version: 04/2026

Definition/Diagnose

Synonyme: Wutkrampf, Schreikrampf, breath holding spell, blue spell

  • Definition Affektkrämpfe 

Affektkrämpfe gehören zu den häufigsten nicht-epileptogenen Anfallsformen. 

Unter Affektkrämpfen versteht man gutartige und kurzdauernde Episoden, bei denen ein Kind unmittelbar nach einer heftigen Gefühlsregung aufhört zu atmen und für kurze Zeit nicht responsiv ist oder das Bewusstsein verliert. Sie werden durch Wutausbrüche/Ärger (51%), Schmerz (16%), Schreck oder ängstigende/emotional belastende Reize ausgelöst. Dabei kommt es zu Veränderung der Hautfarbe (blau, blass). Anschliessend kann es zu einer Bewusstlosigkeit oder Veränderung der Körperspannung kommen, teils mit kurzen Muskelzuckungen. Anschliessend rasches Erwachen der Kinder. Der Anfall dauert insgesamt weniger als 1 Minute.  

  • Unterteilung in
  1. Blaue (Zyanotische) Affektkrämpfe (67%)  
  2. Blasse Affektkrämpfe (17%)  
  3. Gemischte Affektkrämpfe (7%)  
  • Blaue Affektkrämpfe (Breath holding spells):  

Luftanhalten in der Ausatemphase mit folgender Zyanose. Durch den Sauerstoffmangel kann es zur Bewusstlosigkeit kommen, teils mit einigen Sekunden andauernden Muskelzuckungen. Max. 1 Minute Dauer mit anschliessend wieder voller Aktivität innert weniger Minuten. Es wird angenommen, dass das Schreien den intrathorakalen Druck stark erhöht, ähnlich dem Valsalva-Manöver, was das Herzschlagvolumen vermindert und zu zerebraler Hypoperfusion führt. Hinzu kommt eine zusätzliche Hypoxie als Folge der Apnoe („Breath holding Spell“). Kinder mit zyanotischen Affektkrämpfen sind häufig energische, eigenwillige, fordernde und phantasiereiche Persönlichkeiten. 

  • Blasse Affektkrämpfe (Pallid Infantile Syncope, reflexanoxische Anfälle): 

werden eher durch Schmerzen oder Angst ausgelöst. Meist unauffälliges Aufschreien mit anschliessend reflektorischer Bradykardie bzw. Asystolie für wenige Sekunden. Das Kind wird blass, bewusstlos sowie schlaff oder streckt Extremitäten durch. Gelegentlich treten Muskelzuckungen für einige Sekunden auf. Anschliessend ist das Kind etwas müder. Anfall dauert 10-30 Sekunden. 

Epidemiologie

Sie treten bei 3-5% aller Kleinkinder im Alter von 6 Monaten bis 6 Jahren auf. Der Beginn liegt meist um 6-18 Monate, Peak um den 2. Geburtstag. Mädchen und Jungen sind gleich häufig betroffen. Die Frequenz der Anfälle ist sehr unterschiedlich, teils einmalig bis zu mehrmals täglich auftretenden Anfällen. Auftreten meist im häuslichen Umfeld (seltener bei Grosseltern, kaum in Kindertageseinrichtungen!) 

Prognose

Es kommt zu einer spontanen Remission bis zum 5./6.Lebensjahr, teils mit Übergang in gehäufte Synkopen im Jugend-/Erwachsenenalter. 

Auslöser / Ursachen

  • Auslöser 

Übersteigerte Reaktion des Kindes auf Wut, Angst, Frustration, körperliche Schmerzen, Schreck oder eine anderweitig emotional unangenehme Situation

  • Ursachen 

Die Ursache ist bisher nicht geklärt. Eine familiäre Häufung wird in ca. 25% beobachtet. 

Ein Eisenmangel oder Schlafmangel können begünstigend sein.  

Einige Studien konnten zeigen, dass die Dysfunktion des autonomen Nervensystems eine primäre Rolle spielt. Ebenso wird eine Reifungsverzögerung des Hirnstammes diskutiert. Ein Eisenmangel kann die Dysregulation des autonomen Nervensystems beeinflussen, da Eisen für den Katecholaminstoffwechsel unerlässlich ist und als Kofaktor für verschiedene Enzyme und Neurotransmitter im zentralen Nervensystem fungiert 2), 3), 4), 8), 10) zusätzlich zur verringerten Sauerstofftransportkapazität bei Eisenmangel. Durch Erythropoese auch bei noch normwertigen Blutwerten kommt es zum Aufbrauchen der Eisenspeicher, so liegt ein relativer Mangel an Eisenspeichern und -verteilung vor, nicht eine Erschöpfung der Gesamtmenge an Körpereisen. 

Untersuchungen / Labor

Anamnese als wichtigstes diagnostisches Mittel 

Die Diagnose der Affektkrämpfe wird in erster Linie aus der Anfallsanamnese gestellt. Jeder einzelne Anfall wird ausschliesslich durch einen bestimmten Auslösemodus (unerwarteter, plötzlicher Reiz, der zu Schreck, Schmerz oder Wut führt) reflektorisch verursacht. 

  • Anamnese
    • Alter bei Beginn?  
    • Was geschah vor dem Anfall? War das Kind wach? Klarer Trigger eruierbar? 
    • Hat das Kind geschrien? 
    • Welche Hautfarbe hatte das Kind vor und während der Episode? 
    • Dauer <1-3 Min? Mit Muskelzuckungen? 
    • War das Kind nach der Episode erschöpft? Rasche Erholung <30 Sekunden? 
    • Wiederholte Episoden? 
    • Sind weitere Familienmitglieder von ähnlichen Episoden betroffen? 
  • Klinischer Untersuch insbesondere kardiopulmonaler Status und Neurostatus 
  • EKG  

insbesondere bei blassen Affektkrämpfen, jedoch bei allen empfohlen bei teils beschriebenen EKG-Veränderungen (QTc Intervalle/Dispersion sowie Sinusarrhythmie 12),13) in neuesten Studien. In 7), 11), 13) konnten einen signifikanten Unterschied der QT-, QTc- Intervalle sowie QT- und QTc Dispersion bei Kindern mit Affektkrämpfen im Vergleich zu gesunden Kindern finden. Ebenso konnte in einer Studie13) eine statistisch signifikante Verbesserung dieser Parameter durch eine Eisensubstitution bestätigt werden. 

Erheben eines Eisenstatus bei häufigen/ hartnäckigen Anfällen: 
Neueste Studien konnten einen Zusammenhang zwischen Eisenmangel und Affektkrämpfen zeigen sowie auch eine Abnahme oder komplette Remission der Anfälle unter Eisensubstitution (siehe Absatz Therapie). 

  • Labor

Abnahme von: Hämatogramm II, Eisen, Ferritin, Transferrin und Transferrinsättigung sowie CRP (bei falsch hohem Ferritin (akut Phase Protein) bei Infekten). 

  • Konsil

EEG/Involvierung Neuropädiatrie bei: 

  • Unsicherheit zum klaren Trigger/ unklarer Anamnese
  • Dauer >1Minute, untypisches Alter (<60Mte), anschliessende Verwirrtheit oder Müdigkeit, Verunsicherung der Familie oder positive FA für Epilepsie. 

Differentialdiagnosen

  • BRUE 
  • Synkope oder Epilepsie 
  • Apnoen anderer Ätiologie (Pertussis, unreifes Atemzentrum, ...) 
  • Nachtschreck 
  • Herzrhythmusstörungen (sehr selten) 
  • Genetische Erkrankung 
  • Non-akzidentelles Trauma 
  • Sepsis 

Prävention/ Notfallmassnahmen/ Therapie

  • Prävention 

Man kann Affektkrämpfe nicht vorbeugen. Während eines Wutanfalles kann es helfen, das Kind durch Körperkontakt oder gute Zurede zu beruhigen oder abzulenken.  

  • Notfallmassnahmen durch Eltern 
    • Keine Panik 

    • KEIN Schütteln des Kindes! 

    • Sichere Umgebung schaffen 

    • Bei Bewusstlosigkeit: stabile Seitenlage. KEINE Reanimationsmassnahmen  

  • Ggf. ins Gesicht pusten/ kalte Kompressen  

  • Ggf. Rettungsdienst bei Unsicherheit/längerdauernder Episode den Rettungsdienst 

Therapie

Eine Therapie ist in den meisten Fällen nicht notwendig und es kommt zur spontanen Remission. 

Bei jedoch bestehendem oder neu diagnostiziertem Eisenmangel sollte eine Eisensubstitution gestartet werden. Teils profitieren Kinder auch bei normwertigem Eisenstatus von einer Eisensubstitution, da es die Überreizung des vegetativen Nervensystems verbessern soll.  

Laut 1) kam es unter Substitution von 4mg/kg/d Eisen über 3 Monate bei 96.2% der anämischen sowie 74% der nicht anämischen Kinder zur vollständigen Remission. Somit kann bei hartnäckig rezidivierenden Anfällen ein Therapieversuch auch bei normalem Eisenstatus erwogen werden.  
Ebenso wird empfohlen bei EKG-Auffälligkeiten eine Eisensubstitution zu starten. Laut neuesten Studien kommt es durch die Substitution zur Normalisierung des EKG-Befundes.

3 (-5) mg Eisen/kg Körpergewicht täglich während 3 (-4) Monaten in 1 ED. Eine klinische und laborchemische bzw. EKG-Kontrolle (bei initialen Auffälligkeiten) nach 1 Monat und 3Monaten werden empfohlen. 

  • Empfohlene Produkte
    • Maltofer Tropfen: 1 ml Maltofer Tropfen = 20 Tropfen= 50 mg Eisen. 
    • Maltofer Sirup: 1ml Sirup = 10 mg Eisen. 

Die Tagesdosis kann in Einzeldosen aufgeteilt oder auf einmal gegeben werden. Die Maltofer-Präparate sollen während oder direkt nach dem Essen eingenommen werden. Können mit Frucht- /Gemüsesäften, bzw. mit Flaschennahrung gemischt werden. Die leichte Färbung beeinträchtigt weder Wirkung noch Geschmack. 

Aufklärung Eltern

Eltern erleben einen Affektkrampf als lebensbedrohliches Ereignis, welches zu sehr grosser Verunsicherung führen kann 5),6). Eine ausführliche Aufklärung ist deshalb extrem wichtig. Information inklusive Abgabe Affektkrampf-Elternmerkblatt. 

Prozedere/ Prognose

  • Keine neurologischen Spätfolgen  
  • Keine Begünstigung von Epilepsie  
  • Ggf. akute Verletzungsgefahr durch Sturz bei Einsetzen des Anfalles  

Weiterführende Diagnostik

Bitte um Rücksprache mit Neuropädiatrie bzw. Zuweisung zur weiteren Diagnostik bei Zweifel/Unklarheiten in Anamnese bzw. bei unklarem Trigger bzw. Positiver FA für Epilepsie bzw. starker Verunsicherung der Familie

Quellen

  1. Arslan M, Karaibrahimoğlu A, Demirtaş MS. Does iron therapy have a place in the management of all breath-holding spells? Pediatr Int. 2021 Nov;63(11):1344-1350. doi: 10.1111/ped.14685. Epub 2021 Oct 28. PMID: 33682275. 
  2. Ozcora GDK, Kumandas S, Sagiroglu A, Acer N, Doganay S, Yigit H, Canpolat M, Per H, Gumus H. Evaluating the brainstem in children with breath-holding spells. North Clin Istanb. 2022 Nov 28;9(6):610-615. doi: 10.14744/nci.2022.82085. PMID: 36685636; PMCID: PMC9833379. 
  3. Vurucu S, Karaoglu A, Paksu SM, Oz O, Yaman H, Gulgun M, Babacan O, Unay B, Akin R. Breath-holding spells may be associated with maturational delay in myelination of brain stem. J Clin Neurophysiol. 2014 Feb;31(1):99-101. doi: 10.1097/WNP.0000000000000020. PMID: 24492453. 
  4. Azab SF, Siam AG, Saleh SH, Elshafei MM, Elsaeed WF, Arafa MA, Bendary EA, Farag EM, Basset MA, Ismail SM, Elazouni OM. Novel Findings in Breath-Holding Spells: A Cross-Sectional Study. Medicine (Baltimore). 2015 Jul;94(28):e1150. doi: 10.1097/MD.0000000000001150. PMID: 26181556; PMCID: PMC4617068. 
  5. Mattie-Luksic M, Javornisky G, DiMario FJ. Assessment of stress in mothers of children with severe breath-holding spells. Pediatrics. 2000 Jul;106(1 Pt 1):1-5. doi: 10.1542/peds.106.1.1. PMID: 10878140. 
  6. Eliacik K, Bolat N, Kanik A, Sargin E, Selkie E, Korkmaz N, Baydan F, Akar E, Sarioglu B. Parental attitude, depression, anxiety in mothers, family functioning and breath-holding spells: A case control study. J Paediatr Child Health. 2016 May;52(5):561-5. doi: 10.1111/jpc.13094. Epub 2016 Apr 18. PMID: 27089451. 
  7. Movahedian AH, Heidarzadeh Arani M, Motaharizad D, Mousavi GA, Mosayebi Z. Evaluation of QT Dispersion in Children with Breath Holding Spells. Iran J Child Neurol. 2016 Winter;10(1):25-30. PMID: 27057184; PMCID: PMC4815483. 
  8. Shah M, Mendez MD. Breath-Holding Spells. 2023 Aug 17. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2026 Jan–. PMID: 30969604. 
  9. UpToDate: Breath-holding spells 
  10. Zehetner AA, Orr N, Buckmaster A, Williams K, Wheeler DM. Iron supplementation for breath-holding attacks in children. Cochrane Database Syst Rev. 2010 May 12;(5):CD008132. doi: 10.1002/14651858.CD008132.pub2. PMID: 20464763. 
  11. Tomoum H, Habeeb N, Elagouza I, Mobarez H. Paediatric breath-holding spells are associated with autonomic dysfunction and iron deficiency may play a role. Acta Paediatr. 2018 Apr;107(4):653-657. doi: 10.1111/apa.14177. Epub 2017 Dec 22. PMID: 29210110. 
  12. Azab SF, Siam AG, Saleh SH, Elshafei MM, Elsaeed WF, Arafa MA, Bendary EA, Farag EM, Basset MA, Ismail SM, Elazouni OM. Novel Findings in Breath-Holding Spells: A Cross-Sectional Study. Medicine (Baltimore). 2015 Jul;94(28):e1150. doi: 10.1097/MD.0000000000001150. PMID: 26181556; PMCID: PMC4617068. 
  13. Aslan G, Alkan F, Bircan O, Coskun S. Effects of iron replacement on electrocardiogram parameters in breath-holding spells patients with iron deficiency. BMC Pediatr. 2025 Oct 27;25(1):865. doi: 10.1186/s12887-025-06204-4. PMID: 41146111; PMCID: PMC12557941. 
  14. Jain R, Omanakuttan D, Singh A, Jajoo M. Effect of iron supplementation in children with breath holding spells. J Paediatr Child Health. 2017 Aug;53(8):749-753. doi: 10.1111/jpc.13556. Epub 2017 Jun 1. PMID: 28568906.