SOP Aggression und De-Eskalation KJNO LUKS

Inhaltsverzeichnis

Autor: M. Liechti, I. Bachmann, T. Karen, M. Bolten
Version: 05/2026

Aggressive Kinder und Jugendliche – Management im Kinder- und Jugendnotfallzentrum und auf der pädiatrische Bettenstation (ab Punkt 2)

Hinweis:

Für aggressive Eltern/ Angehörige siehe

1 Präklinik/ Triage

Bei Voranmeldung potenziell aggressiver Patient:innen

  • Frühzeitige Information an die LUKS Leitstelle Sicherheit (Tel. 8000), so => Sicherstellung zusätzlicher personeller Ressourcen im KJNO vor Eintreffen 
  • Festlegung durch Notfallkoordination (Pflege) und ärztliche Schichtleitung
    •  Behandlungsteam
    • Untersuchungszimmer
    • Ziel Minimierung von Kontaktpunkte

2 Management/ Therapie

Aggressives Verhalten ist häufig Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung

Primäre Ziele

  1. Rasche Identifikation und Behandlung somatischer Ursachen.
  2. Gewährleistung der von Patient:innen und Personal
  3. Bei Verdacht auf eine psychiatrische Ursache: frühzeitiger Beizug K+L bzw. KJPD

Initiale Beurteilung (durch möglichst erfahrene Ärzt:in) erfassen:

Anamnese

Klinische Untersuchung

Kopftrauma

 

Vitalwerte

 

Vorgängiger Krampfanfall

Neurologischer Status (inkl. fokale Defizite)

Substanzkonsum

 

Toxidrome (toxisches Syndrom) /Hinweis auf Intoxikation

Schmerzen

 

Meningismus

 

 

Häufige somatische Ursachen:

  • Hypoxie
  • Hyper-/Hypothermie
  • Elektrolytstörungen
  • Hypoglykämie
  • ZNS-Infektionen
  • Schlaganfall
  • Epileptische Anfälle
  • Endokrine Störungen
  • Angeborene Stoffwechselerkrankungen

Eigenschutz

Frühzeitig Hilfe holen! Intern 117 (gleiche Instanz wie 8000 Leitstelle Sicherheit, aber bei akut dringender Hilfe!)

Erreichbarkeit «Notfall-/Bedrohungssituation»

Grundprinzipien

  • Sicherheitsabstand einhalten
  • Fluchtwege offenhalten

Umgang mit Deeskalation

  • Ruhige Stimme, einfache und klare Aussagen
  • Eine definierte Ansprechperson
  • Minimierung der Personen im Raum
  • Deckung basaler Bedürfnisse decken (Wärme, Essen, Trinken)
  • Exploration von Ängsten und Zielen des Patienten

Freiwillige medikamentöse Intervention ab 12.J

Orientierung an bestehender Medikation

Übliche Medikation wurde vergessen und ggf. Reservemedikation geben

¼ - ½ der gewohnten Tagesdosis ggf. als Zwischengabe

Mögliche weitere Optionen

  • Truxal (Chlorprothixenhydrochlorid) 15 mg p.o.
  • Temesta (Lorazepam) 1-2 mg s.l.

3 Freiheitseinschränkende Massnahmen/Zwangsmassnahmen

(SAMW-Zwangsmassnahmen in der Medizin 2018)

Definition: Zwangsmassnahmen sind medizinische Interventionen gegen den Willen des Patienten zur Abwendung akuter Gefährdung.

Voraussetzungen:

  • Urteilsunfähigkeit
  • Fehlen milderer Alternativen (Subsidiaritätsprinzip)
  • Notfallsituation

Grundsätze:

  • Verhältnismässigkeit
  • Schonende Durchführung
  • Vorherige Information (wenn möglich)
  • Kontinuierliche Überwachung
  • Dokumentationspflicht gemäss Art. 384 ZGB

Medikamentöse Zwangssedation

Frühzeitige Eskalation

  • Beizug zusätzlicher Fachpersonen
  • Ggf. KJNO / Anästhesie / Intensivstation / K&L

Mögliche Monotherapie (nach jeweiliger Erfahrung des verantwortlichen Arztes).

  • Midazolam 0.3mg/kg nasal (max. 10 mg)
  • Ketamin (5mg/kg i.m. oder nasal. oder 1.5 mg/kg i.v.)
  • Haloperidol ( >3 J.) 0.05 mg/kg i.m. (max. 5 mg), Wiederholung nach 60 min möglich (maximale Wirkung nach 20 Min; KI: Alkohol oder Medikamentenintoxikation)

►Während Sedation ggf. i.v. -Zugang legen

Physische Fixation

  • Fixationsbett verfügbar im NFZ E.966/67/68 (Geräteraum Zone links)
  • Siehe Richtlinie 5 - Punkt-Fixation.

Konzept für Management schwer agitierter Pat. im NFZ Luzern

Dokumentation (obligatorisch durch behandelnden Arzt)

Jegliche Art von Zwang (Medikamentös/physisch) muss verhältnismässig sein, regelmässig überprüft und so schnell als möglich beendet werden. 

  • Beschreibung des Problems (Interesse des Patienten)
  • Ziel und Zweck der Massnahme (Selbstschutz, Fremdschutz, Therapie)
  • verworfene oder als unwirksam erwiesene Alternativen (welche? warum verworfen?)
  • (Mutmasslicher) Patientenwille (Vorliegen einer Patientenverfügung usw.)
  • Beurteilung der Urteilsunfähigkeit bezüglich der geplanten Massnahme gegeben (beurteilt durch ...)
  • Notfallmassnahme oder geplante Massnahme;
    • Art und Dauer der Massnahme (inkl. Medikamentenname und Dosis)
    • Überwachungsstrategie
    • Evaluationsintervalle
  • Verantwortliche Entscheidungsinstanz bzw. verantwortliche Person

Überwachung

Nach jeder medikamentösen und/oder physischen Zwangsmassnahme ist eine adäquate Überwachung sicherzustellen. Im Fixationsbett zwingend Dauermonitor und 1:1 Betreuung.

4 Austritt

Falls sich die Situation beruhigt und die Zwangsmassnahme aufgehoben werden kann, erfolgt die Weiterbehandlung gemäss dem Krankheitsbild. 

Kann die Zwangsmassnahmen nicht aufgehoben werden, ist eine Hospitalisation zusammen mit dem DA K&L zu besprechen.

Je nach Zwangsmassnahme und Klinik ist eine Unterbringung auf

  • AKIS
  • Intensivstation
  • Bettenstation mit Sitzwache

Fürsorgliche Unterbringung (FU)

Im Falle einer externen Unterbringung wie die AKIS bei psychiatrischen Diagnosen und fehlender Einwilligung des Patienten kann in Rücksprache mit dem K&L eine FU ausgesprochen werden. Diese muss durch einen OA mit Berufsausübungsbewilligung unterschrieben werden.  20260401_Merkblatt_ärztlicheFU

5 Hintergrund

Alles was in Menschen das Gefühl der Bedrohung auslöst, kann zu Aggression führen. Gerade auf Notfallstationen sind Patienten und Angehörige oftmals in einer physisch und psychisch vulnerablen Situation. Viele der unten aufgeführten Risikofaktoren lassen sich im Spitalumfeld nicht vermeiden.

Risikofaktoren

Patientenbezogene Risikofaktoren

  • Starke Emotionen: Ängstlichkeit, Überforderung, Stress, Unsicherheit
  • Kognition: verwirrt, Verwirrung nach der Anästhesie
  • Informationsstand: Probleme, die aktuelle Situation zu verstehen, auf Grund von Wissensdefiziten, Sprachproblemen sowie kognitiven Problemen
  • Schlafmangel
  • Langeweile
  • Hunger

Institutionelle Risikofaktoren

  • Personalmangel
  • Für Patienten ungewohnte Tagesstruktur der Anfälle
  • Fehlende Privatsphäre (z.B. fehlende Räume für persönliche Gespräche) und Geborgenheit
  • Lange Wartezeiten
  • Viele Untersuchungen, Tests, medizinische und therapeutische Interventionen
  • Lärm und Reizüberflutung

Ablauf einer aggressiven Krise

Abbildung 1 aus Weisung Aggression und Gewalt Inselgruppe Bern

Abbildung 2 aus Weisung: Aggression und Gewalt Inselgruppe Bern

ProDeMa® Deeskalation

LUKS intern werden intermittierend Weiterbildungskurse für ProDeMa® angeboten.

ProDeMa Deeskalation.docx