Management akute Alkohol-Intoxikation SOP
Inhaltsverzeichnis- Wichtige DD’s
- (Fremd-) Anamnese
- Akutes Management im KJNO (Primary Survey)
- Besonderheiten Secondary Survey
- Diagnostik
- Behandlung von Komplikationen
- Pharmakodynamik von Alkohol
- Hospitalisationskriterien
- Verordnungen bei stationärer Aufnahme
- Nützliche Zusatzinfos
- Referenzen
Autorin: I Bachmann
Version: 02/2026
Wichtige DD’s
Mischintoxikation, metabolische Störungen (Hypo-Na, Hypo-/Hyperglykämie), postiktale Phase, intracranielle Prozesse, Sepsis, Methanol-Intox, hepatische Encephalopathie
(Fremd-) Anamnese
- Menge, Art und Zeitpunkt der Konsumation?
- Wie lange im Freien / in der Nässe gelegen?
- Zusätzliche Mischintoxikation?
- Verletzungen? Symptome? Sturz / Trauma möglich?
- vorbestehende Erkrankungen? Suizidalität?
- bisherige therapeutische Massnahmen?
Akutes Management im KJNO (Primary Survey)
ABCDE mit Stabilisierung der Vitalwerte
A: Sicherstellung der Atemwege, ggf Seitenlage (Aspiration vermeiden)
B: Sättigungsmonitoring fix, keine routinemässige Verabreichung von zusätzlich O2. Bei SpO2 < 92% zusätzlich O2 verabreichen und GLEICHZEITIG Ventilation monitorisieren à Hypoventilation erkennen und behandeln (sonst droht CO2-Retinierung)
C: mindestens 1 peripherer Zugang legen, bei art. Hypotonie Bolus Ringerfundin 20ml/kg KG verabreichen, mögliche Blutungsquellen suchen
D: Mögliches SHT? Hypoglykämie suchen und behandeln.
E: Hypothermiemanagement (Decke, Wärmelampe, Bair Hugger, gewärmte Infusion
Besonderheiten Secondary Survey
- Fokus auf Prellmarken / Stichverletzungen, St. n. Krampfanfall (Zungenbiss, Einnässen), Kleidung (AP für Gewaltanwendung / sexueller Übergriff)
- (nasse) Kleidung ausziehen, auf Hinweise durchsuchen (Medikamente/Drogen, Ausweis, Notfallausweise, Blutspuren, Gewaltspuren etc) und asservieren in Papierbeutel
Diagnostik
BE: Blutalkoholkonzentration-Messung, BGA (für pH, Glucose, Laktat und Elektrolyte) à häufig Azidose, Hyperlactatämie, Hypokaliämie, Hypoglykämie selten möglich, Hg II, Reserveserum für weitere Laborwerte (ggf Testblut bei V. a. Blutung)
- Urin (20ml): Drogenscreening qualitativ (lichtgeschützt und asap einfrieren, Nachbestellungen innerhalb 48h möglich). Suche nach unbekannter Substanz im Blut nicht notwendig (bzw. nur in Ausnahmefällen, Absprache mit Kaderärzt/-in, weil sehr teuer)
- Ggf Gyn Kons am Folgetag bei V. a. sexuellen Übergriff
Behandlung von Komplikationen
- Agitation und Aggressivität: nach Ausschluss anderer Ursachen ggf Benzodiazepine (Lorazepam s.l.)
- Elektrolytstörungen ggf korrigieren
- Hypoglykämie (selten) und/oder Ketoazidose suchen und behandeln
- Laktatazidose möglich (Metabolite!), Rehydrierung mit Ringerfundin
- Gyn Kons am Folgetag bei V. a. sexuellen Übergriff
Pharmakodynamik von Alkohol
Die Resorption von Alkohol erfolgt im Magen und Dünndarm und ist spätestens nach 2h abgeschlossen (nüchtern nach 30-60min). Die Elimination erfolgt hepatisch durch die Alkoholdehydrogenase linear mit 0.17 Promille pro Stunde und es fallen verschiedene saure Metaboliten an (à Azidose).
Hospitalisationskriterien
In der Regel ist eine Hospitalisation / Überwachung über Nacht indiziert. Der Patient oder die Patientin kann nur entlassen werden, wenn die soziale und psychologische Situation geklärt ist, was oft erst am darauffolgenden Tag möglich ist. Ausserdem findet ein Konsil mit dem K+L Dienst statt am folgenden Tag (kann bei Eintritt angemeldet werden), ggf ambulant (bei Hospitalisation auf SSU / Bettenstation EG).
Eine Verlegung auf die Intensivstation ist dann notwendig bei Hypoventilation / Atemregulationsstörung, Kreislaufinstabilität und / oder schwerer Hypoglykämie und/oder wenn eine schwere ZNS-Depression vorliegt. Auch bei akuter Suizidalität muss eine Verlegung auf die Intensivstation angestrebt werden.
Verordnungen bei stationärer Aufnahme
- Kontinuierliche Überwachung der Vitalparameter (HF, SpO2, AF) und GCS, BD alle (2-) 4 Stunden je nach Klinik
- Keine Glc-haltige Infusion bei Normo- / Hyperglykämie, bei Hypoglykämie kontinuierliche Infusion von Ringeracetat Glucose 5% ad TF
Nützliche Zusatzinfos
- Umrechnungsfaktor der Konzentration von mmol/l in Promille: mmol/l x 0.046 = Promille
Richtwerte: toxische Dosis für Alkohol = 3g Alk / kgKG. Da Alkohol ein spezifisches Gewicht von 0.8 hat, gilt folgende Formel: (Anzahl ml x 0.8 x Volumen%) : 100 = g Alkohol, Z. B. sind 100ml von einem 80% Alkoholgetränk für einen 20kg schweren Menschen toxisch (3.2g/kg)!
- Bei mehrfacher früherer Vorstellung mit Alkohol-Intoxikationen oder bekanntem bzw. vermutetem chronischem Konsum Thiamin-Gabe erwägen: 100mg-200mg i,v. (Prophylaxe Wernicke Encephalopathie)
Referenzen
- Role of First Aid in the Management of Acute Alcohol Intoxication: A Narrative Review.
- European Review for Medical and Pharmacological Sciences. 2020. Piccioni A, Tarli C, Cardone S, et al.
- Identification and Management of Acute Alcohol Intoxication.
- European Journal of Internal Medicine. 2023. Mirijello A, Sestito L, Antonelli M, Gasbarrini A, Addolorato G.
- Acute Alcohol Intoxication-Related Metabolic and Biochemical Disturbances in Adolescents: A Matched Case-Control Study.
- Clinical Pediatrics. 2024. Hanalioglu D, Ozkocer C, Can Ozalp E, et al.
- Acute Alcohol Intoxication in Adolescents: Frequency of Respiratory Depression.
- The Journal of Emergency Medicine. 2013. Langhan ML.
- Serum Glucose and Electrolyte Levels in Alcohol-Intoxicated Adolescents on Admission to the Emergency Department: An Unmatched Case-Control Study.
- European Journal of Pediatrics. 2012. Shavit I, Konopnicki M, Winkler K, et al.
- Ethanol Ingestion and Related Hypoglycemia in a Pediatric and Adolescent Emergency Department Population.
- Academic Emergency Medicine : Official Journal of the Society for Academic Emergency Medicine. 1996. Ernst AA, Jones K, Nick TG, Sanchez J.
- Acute Alcohol Intoxication in Pediatric Emergencies.
- Pediatric Emergency Care. 2022. Castro-Rodríguez C, Lorente-Romero J, Rivas-García A, et al.