Management akute Alkohol-Intoxikation SOP
28.07.26 - kleinere Aktualisierungen: Drogenscreening qualitativ - lichtgeschützt und asap einfrieren gelöscht HEADS-ED - HEADS-ED Six and Older. Berwachung stat präzisiert
16.07.26 - Hospitalisations- und Entlassungskriterien überarbeitet
- Wichtige DD’s
- (Fremd-) Anamnese
- Akutes Management im KJNO (Primary Survey)
- Besonderheiten Secondary Survey
- Diagnostik
- Behandlung von Komplikationen
- Pharmakodynamik von Alkohol
- Hospitalisations- und Entlassungskriterien
- Verordnungen bei stationärer Aufnahme
- Nützliche Zusatzinfos
- Referenzen
Autorin: I Bachmann
Version: 02/2026
Wichtige DD’s
Mischintoxikation, metabolische Störungen (Hypo-Na, Hypo-/Hyperglykämie), postiktale Phase, intracranielle Prozesse, Sepsis, Methanol-Intox, hepatische Encephalopathie
(Fremd-) Anamnese
- Menge, Art und Zeitpunkt der Konsumation?
- Wie lange im Freien / in der Nässe gelegen?
- Zusätzliche Mischintoxikation?
- Verletzungen? Symptome? Sturz / Trauma möglich?
- vorbestehende Erkrankungen? Suizidalität?
- bisherige therapeutische Massnahmen?
Akutes Management im KJNO (Primary Survey)
ABCDE mit Stabilisierung der Vitalwerte
A: Sicherstellung der Atemwege, ggf Seitenlage (Aspiration vermeiden)
B: Sättigungsmonitoring fix, keine routinemässige Verabreichung von zusätzlich O2. Bei SpO2 < 92% zusätzlich O2 verabreichen und GLEICHZEITIG Ventilation monitorisieren à Hypoventilation erkennen und behandeln (sonst droht CO2-Retinierung)
C: mindestens 1 peripherer Zugang legen, bei art. Hypotonie Bolus Ringerfundin 20ml/kg KG verabreichen, mögliche Blutungsquellen suchen
D: Mögliches SHT? Hypoglykämie suchen und behandeln.
E: Hypothermiemanagement (Decke, Wärmelampe, Bair Hugger, gewärmte Infusion
Besonderheiten Secondary Survey
- Fokus auf Prellmarken / Stichverletzungen, St. n. Krampfanfall (Zungenbiss, Einnässen), Kleidung (AP für Gewaltanwendung / sexueller Übergriff)
- (nasse) Kleidung ausziehen, auf Hinweise durchsuchen (Medikamente/Drogen, Ausweis, Notfallausweise, Blutspuren, Gewaltspuren etc) und asservieren in Papierbeutel
Diagnostik
- BE: Blutalkoholkonzentration-Messung, BGA (für pH, Glucose, Laktat und Elektrolyte) ► häufig Azidose, Hyperlactatämie, Hypokaliämie, Hypoglykämie selten möglich, Hg II, Reserveserum für weitere Laborwerte (ggf Testblut bei V. a. Blutung)
- Urin (20ml): Drogenscreening qualitativ (Nachbestellungen innerhalb 48h möglich). Suche nach unbekannter Substanz im Blut nicht notwendig (bzw. nur in Ausnahmefällen, Absprache mit Kaderärzt/-in, weil sehr teuer)
- Ggf Gyn Kons am Folgetag bei V. a. sexuellen Übergriff
Behandlung von Komplikationen
- Agitation und Aggressivität: nach Ausschluss anderer Ursachen ggf Benzodiazepine (Lorazepam s.l.)
- Elektrolytstörungen ggf korrigieren
- Hypoglykämie (selten) und/oder Ketoazidose suchen und behandeln
- Laktatazidose möglich (Metabolite!), Rehydrierung mit Ringerfundin
- Gyn Kons am Folgetag bei V. a. sexuellen Übergriff
Pharmakodynamik von Alkohol
Die Resorption von Alkohol erfolgt im Magen und Dünndarm und ist spätestens nach 2h abgeschlossen (nüchtern nach 30-60min). Die Elimination erfolgt hepatisch durch die Alkoholdehydrogenase linear mit 0.17 Promille pro Stunde und es fallen verschiedene saure Metaboliten an (► Azidose).
Hospitalisations- und Entlassungskriterien
In der Regel ist eine Hospitalisation / Überwachung auf der Pädiatrie über Nacht indiziert. Eine Verlegung auf die Intensivstation ist dann notwendig bei Hypoventilation / Atemregulationsstörung, Kreislaufinstabilität und / oder schwerer Hypoglykämie und/oder wenn eine schwere ZNS-Depression vorliegt. Auch bei akuter Suizidalität muss eine Verlegung auf die Intensivstation angestrebt werden.
Standardisierte Anamneseerhebung durch Abteilungs-AAe vor Austritt gemäss HEADS: HEADS-ED - HEADS-ED Six and Older.
Der Patient oder die Patientin kann ohne psychiatrisches Konsil durch den K+L am Folgemorgen entlassen werden, wenn alle der folgenden Kriterien erfüllt sind:
- somatisch stabil und wach / ausgenüchtert
- Monosubstanz-Intoxikation (nur C2)
- erstmaliges Ereignis
- fehlende Suizidalität
- fehlende Fremdgefärdung
- keine zugrundeliegende psychische Störung
- stabiles soziales Umfeld (Erziehungsberichtigte erreichbar und tragfähig)
Andernfalls Kontaktaufnahme mit KJPD Pikett / K&L vor Austritt
Verordnungen bei stationärer Aufnahme
- Kontinuierliche Überwachung der Vitalparameter (HF, SpO2, AF) und GCS, BD, Temperatur alle (2-) 4 Stunden je nach Klinik
- Weitere Glucosemessungen bei Bedarf / Klinik
- Flüssigkeitsmanagement gemäss Klinik indizieren (Hypotonie/Schock, Dehydratation, prolongiertes Erbrechen, fehlende orale Flüssigkeitsaufnahme), Rehy mit Ringerfundin, keine Glc-haltige Infusion bei Normo- / Hyperglykämie,
- bei Hypoglykämie kontinuierliche Infusion von Ringeracetat Glucose 5% ad TF
Nützliche Zusatzinfos
- Umrechnungsfaktor der Konzentration von mmol/l in Promille: mmol/l x 0.046 = Promille
Richtwerte: toxische Dosis für Alkohol = 3g Alk / kgKG. Da Alkohol ein spezifisches Gewicht von 0.8 hat, gilt folgende Formel: (Anzahl ml x 0.8 x Volumen%) : 100 = g Alkohol, Z. B. sind 100ml von einem 80% Alkoholgetränk für einen 20kg schweren Menschen toxisch (3.2g/kg)!
- Bei mehrfacher früherer Vorstellung mit Alkohol-Intoxikationen oder bekanntem bzw. vermutetem chronischem Konsum Thiamin-Gabe erwägen: 100mg-200mg i,v. (Prophylaxe Wernicke Encephalopathie)
Referenzen
- Role of First Aid in the Management of Acute Alcohol Intoxication: A Narrative Review.
- European Review for Medical and Pharmacological Sciences. 2020. Piccioni A, Tarli C, Cardone S, et al.
- Identification and Management of Acute Alcohol Intoxication.
- European Journal of Internal Medicine. 2023. Mirijello A, Sestito L, Antonelli M, Gasbarrini A, Addolorato G.
- Acute Alcohol Intoxication-Related Metabolic and Biochemical Disturbances in Adolescents: A Matched Case-Control Study.
- Clinical Pediatrics. 2024. Hanalioglu D, Ozkocer C, Can Ozalp E, et al.
- Acute Alcohol Intoxication in Adolescents: Frequency of Respiratory Depression.
- The Journal of Emergency Medicine. 2013. Langhan ML.
- Serum Glucose and Electrolyte Levels in Alcohol-Intoxicated Adolescents on Admission to the Emergency Department: An Unmatched Case-Control Study.
- European Journal of Pediatrics. 2012. Shavit I, Konopnicki M, Winkler K, et al.
- Ethanol Ingestion and Related Hypoglycemia in a Pediatric and Adolescent Emergency Department Population.
- Academic Emergency Medicine : Official Journal of the Society for Academic Emergency Medicine. 1996. Ernst AA, Jones K, Nick TG, Sanchez J.
- Acute Alcohol Intoxication in Pediatric Emergencies.
- Pediatric Emergency Care. 2022. Castro-Rodríguez C, Lorente-Romero J, Rivas-García A, et al.
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S3-Leitlinie Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen. AWMF Leitlinienregister