Betreuung von Neugeborenen drogenabhängiger Mütter

Inhaltsverzeichnis

Autor: Dr. med. K. Dätwyler
Version: 07/04

Grundlagen Neonatal Abstinence Syndrome (NAS)

Die Häufigkeit von Suchtmittelkonsum hat in den letzten Jahren zugenommen. Es zeigt sich eine steigende Tendenz zur Polytoxikomanie und eine Zunahme im Konsum von synthetischen Drogen (Bsp. Amphetamine), Medikamenten (Bsp. Benzodiazepine) und Kokain. Hingegen ist der i.v.-Konsum von Heroin rückläufig.

60-80% aller Neugeborenen von Heroin oder Methadon konsumierenden Müttern entwickeln ein Entzugssyndrom. Die Wahrscheinlichkeit und die Stärke des Entzugs stehen mit verschiedenen Faktoren im Zusammenhang:

  • Art der konsumierten Substanz (Methadon verursacht stärkeren und längeren Entzug als Heroin)
  • Dosis der konsumierten Substanz (nicht linear)
  • Dauer des Drogenkonsums
  • Gestationsalter (FG entwickeln weniger Symptome als TG)

Bei Heroinkonsum ist der Beginn des NAS meist bereits am 1. LT, bei Methadon häufig erst nach 48 Stunden (abhängig vom Zeitpunkt der letzten Dosis vor Geburt). Bei Methadonkonsum ist eine Spätform des NAS mit Beginn nach 3-5 Wochen möglich.

Die Symptome lassen sich in 4 Gruppen einteilen (siehe Finnegan-Score):

  • ZNS: Zittrigkeit, schrilles Schreien, Berührungsempfindlichkeit, übermässiges Saugen, Krampfanfälle (Heroin in 1%, Methadon in 5-7% der Fälle; Auftreten nach 1-2 Wochen)
  • Vegetatives Nervensystem: Schwitzen, Hyperthermie, fliessende Nase
  • Gastrointestinal: Trinkschwäche, Erbrechen, Diarrhoe
  • Respiratorisch: Tachypnoe, Apnoen

Die Symptome sind unspezifisch! Differentialdiagnostisch muss an Sepsis, Hypoglykämie, Elektrolytstörungen, cerebrale Pathologien (Blutung) gedacht werden.

Perinatologisches Management

Schwangerschaftssprechstunde für drogenabhängige Frauen

Drogenabhängige Frauen können vom behandelnden Arzt oder von anderen spezialisierten Stellen dem Drogentherapeutischen Ambulatorium in Luzern (DTA) zugewiesen werden (Kontaktperson Stefan Kunz). Nach umfassender Abklärung und allfälligem Umstellen der Therapie wird im Rahmen der Schwangerschaftssprechstunde eine gemeinsame Risikoeinschätzung vorgenommen. Für die werdenden Eltern werden spezifische, verbindliche Ziele und Bedingungen formuliert und dokumentiert. Bei Bedarf werden weitere Gesprächstermine vereinbart. Die Sprechstunde wird von einem interdisziplinären Team geführt (Vertreter/-in DTA, Frauenklinik Luzern (FKL), Oberarzt NeoIPS, Sozialdienst).

Eintritt der Schwangeren in die FKL

Der Dienstarzt der Neonatologie soll über den Eintritt informiert werden. Ist noch kein Pränatalgespräch erfolgt, wird dies nachgeholt (Informationen über NAS, Stillen, Drogenstudie, Verlegung Kispi etc.). Schriftliche Dokumentationen über stattgefundene Gespräche befinden sich im NeoIPS-OA-Büro im Ordner „Drogenkerngruppe“.

Für die perinatologische Betreuung ist entscheidend, dass möglichst aktuelle Serologien vorliegen (insbesondere HIV und Hepatitis B/C). Idealerweise wird nach Rücksprache mit der Schwangeren ein Drogenscreening im Urin abgenommen.

Betreuungskonzept postnatal

Alle Neugeborenen drogenabhängiger Mütter werden grundsätzlich ins Kinderspital verlegt (3 West). Der Zeitpunkt wird vom OA der Drogenkerngruppe bestimmt (in der Regel innerhalb der ersten 12 Stunden). Nur in Ausnahmefällen kann das Kind bei der Mutter in der FKL bleiben (Entscheidung Drogenkerngruppe).

Drogenkerngruppe

Die Drogenkerngruppe ist verantwortlich für das Gesamtmanagement des Kindes. In Zusammenarbeit mit den Eltern wird die zukünftige Betreuung des Kindes geplant. Hierzu werden in einem ersten Gespräch klare Richtlinien und Zielsetzungen formuliert sowie eine Entbindungserklärung verlangt (dies ermöglicht Kontaktaufnahme und offene Diskussion mit allen involvierten Stellen, bspw. Kinderarzt, Familienhilfe etc.) Die Vereinbarung wird von allen Beteiligten unterschrieben. Teamgespräche mit den Eltern finden 1x wöchentlich statt. Nach Kontaktaufnahme mit externen Ressourcen (Hausarzt, DTA, Sozialdienst) und nach interner Einschätzung wird den Eltern ein geeignetes Procedere und Hilfsnetz vorgeschlagen. Gegebenenfalls erfolgt eine Kontaktaufnahme mit der Vormundschaftsbehörde.

Mitglieder der Drogenkerngruppe:

  • Vertreter des Sozialdienstes
  • Vertreterin der Pflege der Abteilung (3 West)
  • OA NeoIPS

 

Hospitalisation in der Frauenklinik

Um die Mutter-Kind-Bindung möglichst zu fördern, kann das Neugeborene die ersten Lebensstunden bei den Eltern in der FKL bleiben. Aufgaben des Kinderarztes (Abteilungsarzt 3 West) sind ein klinischer Status, Überwachungsverordnung und Beurteilung mittels Finneganscore und Entscheid bezüglich Verlegung ins Kinderspital nach Rücksprache mit OA Neonatologie der Drogenkerngruppe.

Bei Neugeborenen, welche in der FKL bleiben können, sind tägliche Visite des Abteilungsarztes (ev nur Kardexvisite) mit der Pflege, Informationen über besondere Probleme (Ernährung, Unruhe etc.) und Weiterleitung von Informationen an den OA der Drogenkerngruppe vorgesehen. Der Abteilungsarzt ist verantwortlich für den Informationsaustausch Eltern - Pflege FKL - Drogenkerngruppe. 1-2x wöchentlich soll eine Pflegefachfrau bei einem Teammitglied der Drogenkerngruppe den aktuellen Stand der Abklärungen und das weitere Procedere erfragen. Austritt direkt aus der FKL immer erst nach Rücksprache mit der Drogenkerngruppe.

Aufgaben der Pflege: Übliche Pflegeverrichtungen mit  Schwerpunkt TLC (tender loving care), Überwachung mittels Finnegan-Score alle 8 Stunden, sachliche und neutrale Dokumentation des elterlichen Verhaltens (Auffälligkeiten, Kontakt zum Kind, Pflege des Kindes, Zuverlässigkeit, Umgang). Tägliche Absprache/Visite mit dem verantwortlichen Abteilungsarzt.

Hospitalisation im Kinderspital

Die medizinische Betreuung sowie die korrekte Verordnung der Medikamente (gem. Drogenstudie oder internen Richtlinien) obliegt dem Abteilungsarzt und dem aktuell zuständigen Oberarzt. Übliche Pflegeverrichtungen mit  Schwerpunkt TLC (tender loving care), Überwachung mittels Finnegan-Score und Führen eines separaten Besuchsprotokolles sind die Aufgabenbereiche der Pflege. Das Besuchsprotokoll gilt als Grundlage zur Einschätzung der Zuverlässigkeit und Konstanz der Eltern. Die Beurteilungen sollen sachlich und neutral erfolgen. Die Unterlagen werden in einem separaten Ordner im Stationsbüro abgelegt.

Überwachung

Unabhängig davon, ob das Neugeborene in der Frauenklinik oder im Kinderspital hospitalisiert ist, soll die Überwachung mittels modifiziertem Finnegan-Score in den ersten Lebensstunden beginnen (8-stündliche Erfassung). Übersteigt der Score zum zweiten Mal 9 oder einmal 14, muss mit einer medikamentösen Therapie begonnen werden. Diese Therapie wird immer im Kinderspital durchgeführt und das Kind wird am P/R/SO2-Monitor überwacht.

Zusätzlich zum Finnegan-Score wird ein 24h-Protokoll geführt.

Diagnostik

Bei der Mutter:

  • vollständige Serologien inkl. HIV (< 2 Monate alt)
  • nach Absprache Drogenscreening im Urin

Beim Neugeborenen:

  • Drogenscreening im Mekonium
  • Schädel-Ultraschall bei Polytoxikomanie u/o Kokainabusus

Stillen

Bei negativer HIV Serologie darf die Mutter stillen (mütterliche HCV-Positivität ist keine Kontraindikation, ebenso dürfen Kinder von HBsAg-positiven Müttern stillen, müssen aber aktiv und passiv geimpft werden). Stillen fördert die Mutter-Kind-Beziehung und kann sich auf den Verlauf des NAS positiv auswirken. Wird ein Beikonsum dokumentiert, ist das Stillen nicht mehr empfohlen.

Therapie des NAS

Nicht medikamentöse Massnahmen

Tender loving care (TLC) beinhaltet Abschirmen von äusseren Reizen (Ruhe, evtl. Abdunkeln), Hängekorb, häufige kleine Mahlzeiten, Körperkontakt etc.

Medikamentöse Massnahmen


Medikamentöse Therapie des neonatalen Entzuges (Opiate) (PDF-File)


Medikamentöse Therapie des neonatalen Entzuges (PDF-File)


Bei hoher Opiatdosis und vorwiegend neurologischen Symptomen kann zusätzlich Phenobarbital eingesetzt werden (Ladedosis 20 mg/kg, Erhaltungsdosis 5 mg/kg/d in 2 Einzeldosen).

 

 

 

Quellen:

  1. Zimmermann-Bär U. Studienordner Schweizerische Studie zum Drogenentzug von Neugeborenen, 2000

  2. Smeriglio VL, Wilcox HC. Prenatal drug exposure and child outcome. Clinics in Perinatology 1999;26:1-16 (Abstract)

  3. Neonatal drug withdrawal. American Academy of Pediatrics Committee on Drugs. Pediatrics 1998;101:1079-1088 (Abstract)